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Ein Beispiel für eine erfolgreiche Inklusion

Unsere sehgeschädigte Auszubildende hat im August 2010 ihre Ausbildung zur Bürokauffrau in der Reederei SAL (SAL Schiffahrtskontor Altes Land) aufgenommen. Im normalen Bewerbungsverfahren haben wir uns bewusst für eine blinde Frau entschieden, da wir uns der gesellschaftlichen Verantwortung eines Großunternehmens stellen wollten.

Der Wille des Unternehmens war da, ungeklärt für alle Betroffenen war allerdings das WIE.

  • Wo geht eine blinde Auszubildende zur Bürokauffrau zur Berufsschule?
  • Wie und durch wen werden die Unterrichtsbücher für sie zugänglich gemacht?
  • Wie kann die blinde Auszubildende Tafelanschriebe vermittelt bekommen?
  • Wie können die spezifischen Firmensoftwares für die Auszubildende zugänglich gemacht werden?
  • Wie werden Ausbildungsinhalte in der Firma vermittelt. Müssen Ausbildungsinhalte anders vermittelt werden?
  • Muss man mit einer blinden Auszubildenden anders umgehen als mit sehenden Auszubildenden?
  • Wie können vorhandene Berührungsängste abgebaut werden?

Fragen über Fragen, die erst im Laufe des ersten Ausbildungsjahres alle beantwortet werden konnten.

Ein sehgeschädigter Mensch kompensiert bei Arbeiten im Bürobereich die fehlende visuelle Wahrnehmung mithilfe des PC und speziellen Techniken. Der Bildschirm und die Mausbedienung spielen für den sehgeschädigten Menschen keine Rolle, er bedient den PC ausschließlich mit der Tastatur. Die notwendigen Informationen, was sich auf dem Bildschirm abspielt, erhält er durch eine spezielle Sprachausgabe und einer Braillezeile. Was Sehende am Bildschirm lesen, liest ein blinder Mensch an der Braillezeile, ein Gerät, das den Text des Bildschirms in Punktschrift überträgt. So erhält unsere Auszubildende die gleichen Informationen z B. aus den Schulbüchern wie ihre sehenden Mitschüler in der Berufsschule. Die Schulbücher werden von einer speziell geschulten Assistenz umgeformt, sodass die Texte auch für die blinde Berufsschulschülerin auf der Braillezeile lesbar sind.

Um weitere Vermittlungsbarrieren zu überwinden, ist es notwendig, dass die Berufsschullehrer und Berufsschullehrerinnen bei der Vermittlung der Inhalte auf die Bedürfnisse der sehgeschädigten Schülerin eingehen. Beispielsweise ist es sehr hilfreich, einen Tafeltext nicht nur aufzuschreiben, sondern das Geschriebene einmal kurz vorzulesen. Teilweise ist es notwendig, die Arbeitsweise, die sich von Sehenden unterscheidet aber gleichwohl genauso effizient ist, zu akzeptieren. Eine handschriftliche Bilanzerstellung von Sehenden ist z B. genauso richtig wie die Bilanz in Excel. Wesentlich ist das richtige Ergebnis, die Dokumentationsform spielt keine Rolle. Um die Berufsschullehrer und Berufsschullehrerinnen zu sensibilisieren und bei der ungewohnten Aufgabenstellung zu unterstützen bedurfte es der Hinzuziehung eines professionellen Blindenpädagogen. Er schulte auch weiterhin die Unterrichtsassistenz im digitalen Aufbereiten der schriftlichen Unterrichtsmaterialien.

Die beschriebenen Hilfsmittel liegen auch in der Reederei vor, finanziert werden sie von den entsprechenden Kostenträgern der öffentlichen Hand. Dies allein genügt jedoch nicht, da die Brückensoftware der blinden Auszubildenden an die firmenspezifischen Softwares angepasst werden muss. Dies wird in der Regel von den Hilfsmittelherstellern umgesetzt. Damit ist das Werkzeug vorhanden, nun muss noch damit gearbeitet werden.

Ohne spezielle Schulung durch eine Fachkraft, die sowohl die Belange der Firma durchschaut als auch sehr gute Kenntnisse in der Bedienung der Blindensoftware hat, ist eine Vermittlung nicht möglich. Was in der Berufsschule durch Blindenpädagogen und Schulassistenz erfolgt wird in der Firma durch den punktuellen Einsatz eines „Jobcoachs“ geleistet. Die Aufgabe des Jobcoachs ist einerseits die konkrete Arbeit mit der Auszubildenden in Blockform, beispielsweise bei einem Abteilungswechsel um mit ihr neue Aufgabenstellungen zu entschlüsseln. Weiterhin jedoch auch die Ausbilder und Ausbilderinnen dabei zu unterstützen, die blinde Auszubildende später alleine kompetent auszubilden. Ein besonderer Schwerpunkt ist hier die natürlichen Berührungsängste der Ausbilder und Ausbilderinnen abzubauen. Dies gelingt besonders dann, wenn sie erleben, dass nach der Schulung durch den Coach die Auszubildende sehr gut in der Lage ist, die an sie dann gestellten Aufgaben selbstständig, schnell und gleichwertig zu lösen.

Der Jobcoach versteht sich als Mittler zwischen Ausbildungsbetrieb und Auszubildenden, findet die Reibungspunkte und bearbeitet sie bis zur Lösung. Nach einem Jahr war festzustellen, dass sich Berufsschule, Betrieb und Auszubildende soweit aufeinander eingestellt haben, dass dieses Experiment bisher einen guten Weg gegangen ist.

Unsere Auszubildende hat Ihre Ausbildung verkürzt und nach 2 ½ Jahren im Januar 2013 ihre Prüfung vor der IHK Stade erfolgreich abgelegt. Sie hat daraufhin von uns einen festen Arbeitsvertrag erhalten und unterstützt als qualifizierte und fachkompetente Mitarbeiterin unser Team.

Elke Bruemmer
Human Resources

SAL Heavy Lift GmbH
Brooktorkai 20
20457 Hamburg
www.sal-heavylift.com

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